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Akzeptanz der Telemedizin von PatientInnen und ÄrztInnen

Chancen digitaler Gesundheitslösungen

Telemedizinische Anwendungen gewinnen seit einigen Jahren zunehmend an Relevanz und bieten insbesondere in strukturschwachen Regionen große Potenziale für die Gewährleistung einer ganzheitlichen Gesundheitsversorgung. Die Vorteile von E-Health-Lösungen liegen dabei auf der Hand – sie ermöglichen orts- und zeitunabhängige Kommunikation und können in verschiedenen Bereichen wie der ärztlichen Beratung, Diagnose, Therapie oder auch Rehabilitation ergänzend zu herkömmlichen Anwendungen eingesetzt werden [1]. Allerdings hängt der erfolgreiche Einsatz telemedizinischer Innovationen auch maßgeblich von der Bereitschaft und den Ressourcen des Gesundheitspersonals und der PatientInnen, diese Anwendungen zu nutzen, ab. Dieser Umstand wirft eine grundlegende Frage auf: wie steht es in Deutschland um die Akzeptanz von E-Health-Lösungen und welche Faktoren spielen in diesem Kontext eine zentrale Rolle?

Akzeptanz und ihre Determinanten

Um nachvollziehen zu können, wovon die Akzeptanz gegenüber telemedizinischen Anwendungen in der Gesundheitsversorgung abhängt, sollte zunächst ein Blick auf das grundsätzliche Verständnis von Akzeptanz geworfen werden. Akzeptanz meint grundsätzlich die aktive Zustimmung oder auch Anerkennung von bestimmten Entscheidungen, Verhalten oder Einstellungen anderer Personen oder Gruppierungen. In Hinblick auf die Akzeptanz von technologischen Innovationen kann zwischen drei Arten unterschieden werden, die sich in den verschiedenen Phasen der Etablierung neuartiger Technologie äußern. Zum einen besteht im besten Fall vor der Nutzung eine Einstellungsakzeptanz, die durch ein erstes Bewusstsein sowie Interesse und auch durch „die subjektive Herausbildung von Erwartungen und Haltungen gegenüber einer neuen Technik“ (S. 259) [2] gekennzeichnet ist. Zum anderen existiert die Handlungsakzeptanz (Entscheidung zur Übernahme) und letztlich auch die Nutzungsakzeptanz, die sich in der tatsächlichen Nutzung (mittel- oder langfristig) widerspiegelt. Insgesamt sind die Bildung und auch Steigerung von Akzeptanz gegenüber neuen Technologien ein subjektiv geprägter Prozess, der von bestimmten sozialen, systemischen und technologischen Determinanten geprägt ist. Determinanten für die Akzeptanz gegenüber Technikinnovationen, wie die Telemedizin, basieren gemäß der Unified Theory of Acceptance and Use of Technology (UTAUT) auf vier Faktoren: Nutzungswert, Bedienbarkeit, Soziale Einflüsse von außen oder aus dem sozialen Umfeld (z. B. Image) und die Rahmenbedingungen bzw. die bestehende Infrastruktur. Erweitert und spezifiziert werden können diese Determinanten um die Moderatorvariablen bestehende Gewohnheiten, Erfahrungen, Freiwilligkeit, Motivation, demographischer Faktoren (Alter und Geschlecht) und das Preis-Leistungs-Verhältnis.

Akzeptanz und Nutzung von Telemedizin in Deutschland

PatientInnen in Deutschland stehen telemedizinischen Anwendungen mit gemischten Gefühlen gegenüber. Einerseits sehen große Teile der Bevölkerung Vorteile in der Nutzung, z.B. durch die potenziell schnelle Erreichbarkeit von medizinischem Personal durch Telekonsultationen, die zeitliche und räumliche Flexibilität sowie den damit verbundenen Komfort für PatientInnen [3]. Andererseits stehen einige PatientInnen E-Health-Innovationen auch kritisch gegenüber. Sie zweifeln an der Qualität digitaler Services, befürchten eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten und die Überforderung insbesondere älterer PatientInnen durch die technischen Voraussetzungen. Die Offenheit für die Nutzung von E-Health-Lösungen hängt dabei auch mit dem Alter zusammen. So nimmt z.B. die Nutzungsbereitschaft für Telekonsultationen mit zunehmendem Alter und sinkender digitaler Affinität tendenziell ab. Eine Befragung zur Nutzung von Telekonsultationen ergab, dass 60 % der über 65-Jährigen Videotelefonie in Zukunft nicht nutzen wollen, während nur 13% der unter 35-Jährigen dieselben Angaben machten [3]. Gleichzeitig hat generell nur ein geringer Teil von PatientInnen bereits Videotelefonie genutzt und somit bisher kaum Erfahrungen mit dem digitalen Angebot gemacht [3; 4]. Befragte, die Videoanruftools für den privaten sowie den beruflichen Kontext nutzen, zeigten eine größere Bereitschaft, diese Möglichkeit auch für die medizinische Beratung in Erwägung zu ziehen. Auch bei der Bevölkerung im ländlichen Raum besteht eine grundsätzliche Offenheit gegenüber neuen Technologien. Gerade in Bezug auf niedrigschwellige Angebote wie den ärztlichen E-Mail-Austausch, E-Rezepte und E-Terminvereinbarung besteht Bereitschaft [1]. Bedenken beziehen sich hauptsächlich auf den

Datenschutz und die ÄrztInnen-PatientInnen-Beziehung. Letzteres ist nicht verwunderlich, da gerade in ländlichen Regionen der persönliche Kontakt zu ÄrztInnen oft über einen langen Zeitraum besteht und daher eine zentrale Rolle spielt. Auch ÄrztInnen zeigen eine grundlegende Offenheit für den Einsatz telemedizinischer Anwendungen. Gleichzeitig bestehen einige Bedenken in Bezug auf die Umsetzung, die sich mit der bereits beschriebenen Skepsis von PatientInnen decken. So haben sie haben Vorbehalte bezüglich des ÄrztInnen-PatientInnen -Verhältnisses und sehen neue Verwaltungssysteme, den Umgang mit der Vergütung von digitalen Angeboten sowie die Angst vor ständiger Verfügbarkeit als Hemmnisse. Ein nicht zu unterschätzender Bereich, der im Rahmen der Akzeptanz von technologischen Anwendungen eine große Rolle spielt, ist die Pflege [5]. Denn obwohl Pflegekräfte in der Praxis mit telemedizinischen Anwendungen zu tun haben, werden sie selten in den Diskurs um E-Health-Lösungen miteinbezogen. Deswegen ist es umso wichtiger, Telemedizin frühzeitig an Fachkräfte heranzuführen und in die medizinische Ausbildung zu integrieren.

Akzeptanzsteigerung gemeinsam bewirken

Sowohl bei medizinischem Personal als auch bei PatientInnen ist die Herausarbeitung und das Nahebringen der Vorteile von telemedizinischen Anwendungen entscheidend. Zu den Vorteilen von Telemedizin gehören beispielsweise „geringfügige Wartezeiten“, „zeitliche [und räumliche] Flexibilität“, „Zugang zu Ärzten in ganz Deutschland, unabhängig vom Wohnort“, „barrierefreier Zugang zur ärztlichen Versorgung“, „schnelle und unkomplizierte Erreichbarkeit von Ärzten in akuten Fällen“ (S. 71) [6]. Die Autoren halten fest, dass Anreize für die Nutzung und Anwendung geschaffen werden müssen, Aufklärungen zu Anwendungen, Vorzügen und (Daten-)Sicherheit erfolgen sollten, eine Art „Förderkultur bzgl. digitaler Innovationen“ (S. 66) [6] geschaffen und rechtliche sowie auch infrastrukturelle Rahmenbedingung festgelegt und angepasst werden sollten – um letztendlich die Akzeptanz gegenüber telemedizinischer Versorgung zu steigern. Dass die Umstellung – von der Gesundheitsversorgung in dementsprechenden Einrichtungen hin zu der ortsunabhängigen, telemedizinischen Versorgung – mit diesen Anforderungen an eine Akzeptanzsteigerung nicht von heute auf morgen umsetzbar sowie integrierbar ist, stellt einen augenscheinlichen Fakt dar. Gemeinsam sollte daher in ausgewählten Erprobungsregionen die Weiterentwicklung und Etablierung von Telemedizin im Gesundheitssektor erfolgen und gefördert werden.WeCaRe nimmt genau diese Herausforderung an der Akzeptanzsteigerung in der Bevölkerung, vor allem in strukturschwachen Regionen, und gleichzeitig auch die Bedarfslücken innovativer Versorgungskonzepte wahr, die durch den demographischen Wandel entstanden sind. In ausgewählten Regionen Thüringens soll der Einsatz telemedizinischer Lösungen deshalb gezielt erprobt werden. Mit dem Ansatz einer Intelligenten Sensorischen Telemedizin (IST) soll vor allem in Kooperation mit regionalen Arztpraxen und auch anderen Versorgungseinrichtungen PatientInnen, aber auch medizinischem Personal an die Anwendung von Telekonsultationen, Online-Sprechstunden oder auch an die Unterstützung per App herangeführt und zusätzlich durch sensorische Lösungen unterstützt werden. Mit der Erprobung in ausgewählten strukturschwachen Regionen kann somit in kleinen Schritten getestet werden, wie die Vielfalt an telemedizinischen Anwendungen für PatientInnen und auch ÄrztInnen am besten erfolgen kann und letztlich eine breite Akzeptanz erfährt.

Literatur:

[1] Harder, J. L., Linden, P., Jahn, L., Aslan, M., & Schmücker, V. (2022). Überregionale telemedizinische Ergänzungsbehandlung für die ländliche Hausarztversorgung—Eine Mixed-Methods-Analyse. Zeitschrift Für Evidenz, Fortbildung Und Qualität Im Gesundheitswesen, 169, 67–74. https://doi.org/10.1016/j.zefq.2021.12.008

[2] Dockweiler, C. (2016). Akzeptanz der Telemedizin. In F. Fischer & A. Krämer (Hrsg.), EHealth in Deutschland: Anforderungen und Potenziale innovativer Versorgungsstrukturen (S. 257–271). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-49504-9_13

[3] Solodkoff, M. von, Strumann, C., & Steinhäuser, J. (2021). Akzeptanz von Versorgungsangeboten zur ausschließlichen Fernbehandlung am Beispiel des telemedizinischen Modellprojekts „docdirekt“: Ein Mixed-Methods Design. Das Gesundheitswesen, 83(3), 186–194. https://doi.org/10.1055/a-1173-9903

[4] Hoch, P., & Arets, J. (2021). Die Videosprechstunde als Modell der Akzeptanz digitaler Leistungen im Gesundheitswesen. B&G Bewegungstherapie und Gesundheitssport, 37(4), 151–156. https://doi.org/10.1055/a-1528-3793

[5] Beckers, R., & Strotbaum, V. (2021). Telepflege – Telemedizin in der Pflege. In G. Marx, R. Rossaint, & N. Marx (Hrsg.), Telemedizin: Grundlagen und praktische Anwendung in stationären und ambulanten Einrichtungen (S. 259–271). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-60611-7_23

[6] Meier, R., Holderried, M., Kraus, T.M. (2018). Digitalisierung der Arzt-Patienten- Kommunikation. In: Pfannstiel, M., Da-Cruz, P., Rasche, C. (Hrsg.) Entrepreneurship im Gesundheitswesen III. Springer Gabler, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-18413-1_4[/fusion_text][/fusion_builder_column][/fusion_builder_row][/fusion_builder_container]

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