Digitale Gesundheitskompetenz in Thüringen


Warum der Schrittzähler bereits digitale Gesundheitsversorgung ist und was das für Telemedizin bedeutet
Digitale Gesundheitsversorgung wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit komplexen Anwendungen verbunden: Videosprechstunden, elektronische Patientenakten oder Gesundheitsapps auf Rezept.
Dabei beginnt digitale Gesundheit im Alltag oft sehr viel früher und deutlich unspektakulärer. Ein Schrittzähler auf dem Smartphone oder der Smartwatch ist dafür ein gutes Beispiel.
Er misst keine Krankheit, liefert aber gesundheitsbezogene Daten, die NutzerInnen bei der Verhaltensanpassung und Motivation unterstützen können. Genau an dieser Stelle setzt das Konzept der digitalen Gesundheitskompetenz an.
Digitale Gesundheitskompetenz beschreibt die Fähigkeit, digitale gesundheitsbezogene Informationen und Anwendungen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und für Entscheidungen im Alltag oder im Versorgungskontext zu nutzen. Sie ist damit eine zentrale Voraussetzung dafür, dass digitale Gesundheitsangebote nicht nur verfügbar sind, sondern auch tatsächlich genutzt werden (Sørensen et al. 2012; BMG 2021).
Digitale Gesundheitskompetenz in Deutschland: ein strukturelles Defizit
Wie ausgeprägt diese Kompetenzen in der Bevölkerung sind, zeigt der Health Literacy Survey Germany 2 (HLS-GER 2). Dabei handelt es sich um eine bundesweit repräsentative Befragung zur Gesundheitskompetenz, die im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit durchgeführt wurde und unter anderem den Umgang mit digitalen Gesundheitsinformationen und -anwendungen erfasst. Die Ergebnisse fallen deutlich aus:
Rund 70,5 Prozent der Bevölkerung in Deutschland verfügen über eine geringe digitale Gesundheitskompetenz (BMG 2021). Besonders betroffen sind ältere Menschen sowie Personen mit niedrigerem Bildungsniveau. In der Altersgruppe ab 65 Jahren weisen sogar 86 Prozent eine geringe digitale Gesundheitskompetenz auf, bei Menschen mit niedriger formaler Bildung sind es 86,7 Prozent.
Diese eingeschränkten Kompetenzen spiegeln sich auch im Nutzungsverhalten wider. 68,5 Prozent der Befragten geben an, digitale Geräte nie im Zusammenhang mit Gesundheit zu nutzen. 79 Prozent verwenden keine Gesundheitsapps. Digitale Gesundheitsangebote sind damit für einen Großteil der Bevölkerung kein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags, sondern bleiben abstrakt oder fremd.
Die Forschung zeigt zudem einen klaren Zusammenhang zwischen digitaler Gesundheitskompetenz, Vertrauen und Nutzungsbereitschaft: Wer sich unsicher fühlt, Informationen nicht einordnen kann oder negative Erfahrungen befürchtet, nutzt digitale Angebote seltener oder gar nicht (BMG 2021; Sørensen et al. 2020).

Telemedizin als Teildigitaler Gesundheitsversorgung
Telemedizin ist ein wichtiger Baustein digitaler Gesundheitsversorgung, funktioniert aber nicht isoliert. Videosprechstunden, digitale Nachsorge oder telemedizinische Beratung setzen voraus, dass PatientInnen grundlegende digitale Kompetenzen besitzen und einschätzen können, wann ein digitales Angebot sinnvoll ist und wann nicht.
Bundesweit zeigen aktuelle Zahlen eine steigende Akzeptanz: Laut Techniker Krankenkasse wurden 2024 rund 711.000 Videosprechstunden abgerechnet, ein Zuwachs von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In Befragungen geben 68 Prozent der Versicherten an, sich vorstellen zu können, künftig eine Videosprechstunde zu nutzen (Techniker Krankenkasse 2025).
Für Thüringen lässt sich ein ähnliches, wenn auch differenziertes Bild zeichnen. Ende 2024 rechneten 366 ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen mindestens eine Videosprechstunde ab, mit Schwerpunkten in der Psychotherapie und der hausärztlichen Versorgung (ÄrzteZeitung 2024). Parallel werden telemedizinische Angebote im ärztlichen Bereitschaftsdienst systematisch ausgebaut (Kassenärztliche Vereinigung Thüringen 2025).
Diese Entwicklungen zeigen: Die technischen und strukturellen Voraussetzungen wachsen. Ob Telemedizin im Alltag ankommt, hängt jedoch maßgeblich davon ab, ob Menschen digitale Gesundheitsangebote verstehen, ihnen vertrauen und sie als relevant für sich wahrnehmen.
Digitale Gesundheitskompetenz in Thüringen: Hinweise aus Studien und Praxis
Für Thüringen liegen bislang keine eigenständigen, repräsentativen Landesdaten zur digitalen Gesundheitskompetenz vor. Hinweise lassen sich jedoch aus angrenzenden Erhebungen ableiten. Der D21-Digital-Index, eine regelmäßig durchgeführte, bundesweite Studie zur digitalen Teilhabe und Kompetenz der Bevölkerung, zeigt für Thüringen insgesamt ein Kompetenzniveau im Bundesdurchschnitt. Gleichzeitig werden aber Unterschiede nach Alter, Bildung und Geschlecht deutlich (Initiative D21 2024).
Auch landespolitische und wissenschaftliche Akteure betonen zunehmend, dass Digitalisierung im Gesundheitswesen nicht nur eine technische, sondern vor allem eine Akzeptanz- und Vertrauensfrage ist. Die Fähigkeit, digitale Informationen einzuordnen, Datenschutzfragen zu verstehen und Angebote selbstbestimmt zu nutzen, wird dabei als Schlüsselkompetenz beschrieben (TMASGFF 2022).
Gerade in ländlichen Regionen kann eine höhere digitale Gesundheitskompetenz dazu beitragen, den Zugang zu Gesundheitsangeboten zu verbessern und gleichwertige Versorgung sowie Teilhabe zu unterstützen.
Drei zentrale Dimensionen digitaler Gesundheitskompetenz
Aus Forschung und Praxis lassen sich drei Dimensionen identifizieren, die für digitale Gesundheitsversorgung besonders relevant sind (Norman & Skinner 2006; Sørensen et al. 2012; BMG 2021):
1. Einordnung von Informationen
Viele Menschen finden Gesundheitsinformationen online, haben jedoch Schwierigkeiten, deren Qualität, Vertrauenswürdigkeit und Relevanz für die eigene Situation einzuschätzen. Insbesondere die Bewertung von Quellen, möglichen Interessenlagen und die Übertragbarkeit allgemeiner Informationen auf individuelle Gesundheitsfragen stellt eine zentrale Herausforderung dar. Studien zeigen, dass diese Bewertungsdimension einer der größten Schwachpunkte digitaler Gesundheitskompetenz ist, vor allem im Kontext sozialer Medien und algorithmisch generierter Inhalte (Diviani et al. 2015; BMG 2021).
2. Anwendungswissen
Digitale Gesundheitsangebote erfordern praktisches Wissen im Umgang mit digitalen Anwendungen. Dazu zählen etwa die Nutzung von Videosprechstunden, die digitale Terminvereinbarung, der Umgang mit Gesundheitsapps sowie grundlegende Kenntnisse zu Datenschutz und Datennutzung. Der Health Literacy Survey Germany 2 zeigt, dass ein Großteil der Bevölkerung genau in diesem Bereich erhebliche Unsicherheiten aufweist, was sich in einer insgesamt geringen Nutzung digitaler Gesundheitsangebote widerspiegelt (Norman & Skinner 2006; van der Vaart & Drossaert 2017; BMG 2021).
3. Entscheidungskompetenz im Versorgungskontext
Digitale Angebote ersetzen nicht jede Form persönlicher Versorgung. Digitale Gesundheitskompetenz umfasst daher auch die Fähigkeit, situationsangemessen zu entscheiden, wann digitale Angebote wie Telemedizin sinnvoll eingesetzt werden können und wann eine persönliche Konsultation notwendig ist. Diese Entscheidungskompetenz gilt als zentrale Voraussetzung für eine selbstbestimmte Nutzung digitaler Gesundheitsangebote und wird in der internationalen Forschung als Schnittstelle zwischen individueller Kompetenz und strukturellen Versorgungsbedingungen beschrieben (Sørensen et al. 2020; Neter & Brainin 2019).
Nachgefragt in Jena: Unsere Eindrücke aus der Straßenumfrage zu digitaler Gesundheitsversorgung
Um uns selbst ein Bild davon zu machen, wie digitale Gesundheitsversorgung im Alltag wahrgenommen wird, waren wir in der Jenaer Innenstadt unterwegs. An verschiedenen öffentlichen Plätzen haben wir PassantInnen angesprochen und zu Telemedizin und digitaler Gesundheitsversorgung befragt. Dabei wurde schnell deutlich, dass ein Austausch im öffentlichen Raum herausfordernd ist. Dabei zeigte sich, dass Gespräche zu Telemedizin und digitaler Gesundheitsversorgung im öffentlichen Raum nicht immer auf Offenheit stoßen und häufig mit Zurückhaltung aufgenommen werden.
Letztlich konnten wir einige StudentInnen für kurze Statements gewinnen. Für eine Universitätsstadt wie Jena ist das nicht überraschend. Gleichzeitig zeigt sich hier eine bekannte Dynamik: Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass insbesondere jüngere Menschen mit hoher digitaler Nutzungserfahrung über eine größere digitale Selbstwirksamkeit verfügen und sich dadurch eher zutrauen, digitale Themen zu bewerten und darüber zu sprechen (Bandura 1997; van Deursen & van Dijk 2014; Initiative D21 2024). Uns war dabei wichtig, diese Selektivität transparent zu machen. Die Aussagen sind nicht repräsentativ, geben aber einen authentischen Einblick in individuelle Wahrnehmungen, Assoziationen und Unsicherheiten rund um digitale Gesundheitsangebote.
Was die Befragten zu Telemedizin, digitalen Gesundheitsanwendungen und ihrem eigenen Nutzungsverhalten sagen, haben wir im begleitenden Video zusammengefasst. Das Video zeigt, wie unterschiedlich digitale Gesundheitsversorgung verstanden wird und wie hilfreich es sein kann, über alltagsnahe Beispiele wie den Schrittzähler oder Zyklus-Apps ins Gespräch zu kommen. Genau solche niedrigschwelligen Zugänge erleben wir als wichtigen ersten Schritt, um Berührungsängste abzubauen, digitale Gesundheitskompetenz zu stärken und Akzeptanz für weiterführende Angebote wie Telemedizin zu fördern.

Quellen:
Bandura, Albert (1997)
Self-Efficacy: The Exercise of Control.
https://psycnet.apa.org/record/1997-08589-000
Bundesministerium für Gesundheit (BMG) (2021)
Gesundheitskompetenz in Deutschland – Ergebnisse des Health Literacy Survey Germany 2 (HLS-GER 2).
https://pub.uni-bielefeld.de/download/2950305/2950403/HLS-GER%202_Ergebnisbericht.pdf
Diviani, Nicola et al. (2015)
Health literacy and evaluation of online health information: A systematic review. Journal of Medical Internet Research, 17(5), e112.
https://www.jmir.org/2015/5/e112/
Initiative D21 (2024)
D21-Digital-Index 2024/25 – Sonderauswertung Thüringen.
https://initiatived21.de/uploads/03_Studien-Publikationen/D21-Digital-Index/2024-25/20250312_Die_digitale_Gesellschaft_D21_Sonderauswertung.pdf
Kassenärztliche Vereinigung Thüringen (2025)
Informationen zur Videosprechstunde und zum Ausbau im ärztlichen Bereitschaftsdienst.
https://www.kv-thueringen.de
Neter, Efrat & Brainin, Esther (2019)
eHealth literacy: Extending the digital divide to the realm of health information. Journal of Medical Internet Research, 21(1), e11264.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22357448/
Norman, Cameron D. & Skinner, Harvey A. (2006)
eHealth literacy: Essential skills for consumer health in a networked world. Journal of Medical Internet Research, 8(2), e9.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16867972/
Sørensen, Kristine et al. (2012)
Health literacy and public health: A systematic review and integration of definitions and models. BMC Public Health, 12, 80.
https://bmcpublichealth.biomedcentral.com/articles/10.1186/1471-2458-12-80
Sørensen, Kristine et al. (2020)
Building health literacy system capacity: A framework for health-literate systems. Health Promotion International, 35(2), 276–290.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34897445/
Techniker Krankenkasse (2025)
Videosprechstunden weiter im Aufwind. Pressemitteilung vom 11. Juli 2025.
https://www.tk.de/presse/themen/digitale-gesundheit/telemedizin/tk-hamburg-wieder-mehr-videosprechstunden-2199514
TMASGFF – Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie (2022)
Beiträge zur Thüringer Gesundheitswoche: Digitale Gesundheitskompetenz.
https://www.thueringen.de/th7/tmasgff/gesundheit/gesundheitswoche/
van Deursen, Alexander J. A. M. & van Dijk, Jan A. G. M. (2014)
The digital divide shifts to differences in usage. New Media & Society, 16(3), 507–526.
https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/1461444813487959
van der Vaart, Rosalie & Drossaert, Constance (2017)
Development of the Digital Health Literacy Instrument (DHLI). Journal of Medical Internet Research, 19(1), e27.
https://www.jmir.org/2017/1/e27/
ÄrzteZeitung (2024)
Videosprechstunden in Thüringen: Nutzung steigt langsam.
https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Videosprechstunden-in
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